Interview mit freiwilligen Mitarbeiterin Daniela Ryser

23.04.2026: Das Interview führte Pia Volkers, Oberstufenlehrerin und freiwillige IDEM- Mitarbeiterin zur Deutschförderung im Weyergut Bethanien mit Daniela Ryser-Zulian, freiwilligfe IDEM-Mitarbeiterin im Weyergut Bethanien mit Labradorhündin Inja

Frau Ryser, Sie engagieren sich seit rund 2024 ehrenamtlich im Weyergut Bethanien. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch hier? Was hat Sie damals besonders berührt?
Während unserer Sozialhundeausbildung durften Inja (mein Hund) und ich im Weyergut Bethanien regelmässig kostenlos einen Rollstuhl für unser Training nutzen. Schon damals haben wir uns beide im Haus sehr wohlgefühlt. Zudem durften wir erste schöne und berührende Begegnungen erleben. Mir war klar, dass ich mich für unsere Einsätze im Weyergut Bethanien bewerben möchte.

Was hat Sie dazu motiviert, sich als Freiwillige im Rahmen von IDEM zu melden – und warum gerade im Weyergut Bethanien?
Inja und ich wohnen nur ein paar Schritte entfernt, in der Wohnsiedlung Weyergut. Und mein Vater ist vor im 2014 im Weyergut Bethanien verstorben. Dort durfte ich ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit besuchen. Damals noch mit meinem Assistenzhund «Mimo», der sich in Ausbildung bei der Blindenführhundeschule in Allschwil befand und uns jeweils in den Ferien begleitete. Mimo hat mir auch angezeigt, dass mein Vater nach einer schweren Hirnverletzung an seinem Todestag noch einmal aufgewacht ist. In diesem besonderen Moment konnte er seine grosse Freude an Hunden noch einmal zum Ausdruck bringen. Mimo war ganz nahe bei ihm. Am Nachmittag dieses Tages ist mein Vater verstorben. Dieses Erlebnis hat mich tief berührt, und mir auch gezeigt, was Tierkommunikation bedeutet. Zudem habe ich als junge Frau fast 10 Jahr in einem eher kleinen Alters- und Pflegeheim im Büro gearbeitet. Ich habe diese Arbeit sehr geliebt.

Sie kommen regelmässig mit Ihrem Therapiehund zu uns. Welche Rolle spielt Ihr Hund in den Begegnungen mit den Bewohnenden? Gibt es Momente, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Inja ist ein Türöffner für viele Menschen im Weyergut Bethanien. Sie freuen sich immer sehr, wenn wir ins Haus kommen. Natürlich ist Inja auch sehr gerne in der Cafeteria, wo oft viele Bewohnende zusammensitzen. Ich denke wohl auch wegen den «Brösmeli» am Boden… und natürlich wegen den Bewohnenden, die ich gemeinsam mit ihr besuche.

Ein wunderschönes und berührendes Erlebnis hatte ich mit einem Mann, der an Demenz erkrankt ist. Er hat nicht mehr so viel gesprochen. Ich habe ihn aber immer als sehr fröhlich und zufrieden wahrgenommen. Nach einem Gruppenbesuch hat er sich draussen auf die Hollywood-Schaukel gesetzt und Inja mit deutlichen Worten: «komm, komm, komm» eingeladen, zu ihm auf die Schaukel zu kommen. Ich habe es Inja erlaubt, und dann sind sie zusammen hin- und her geschaukelt. Der Bewohner hat immer mit Inja gesprochen. Es war unglaublich und hat mich tief berührt.

Ihr Engagement ist sehr vielseitig: Besuche, Spaziergänge, Gespräche bei einem Kaffee im Restaurant, Unterstützung bei Aktivitäten wie dem Lotto-Spielen. Was bedeutet Ihnen diese Abwechslung?
Meine Unterstützung ist eine wertvolle und wichtige Ergänzung in der Begleitung unserer Bewohnenden. Mit Inja besuche ich ja gezielt eine Person oder eine Gruppe. Beim Lotto, den Wellnesstagen, beim Einkaufen, beim Kreativ sein oder auch den Konzerten kann ich mich für weitere Menschen einbringen, ohne noch auf meine Hündin achten zu müssen. Wie schon erwähnt, habe ich die Arbeit mit älteren Menschen und ihre Gesellschaft schon mit 30 Jahren in einer kleinen Einrichtung schätzen und lieben gelernt. Auch heute entdecke ich immer wieder Neues – sei es Filzen oder das Schenken einer entspannenden Massage.

Für mich sind das immer ganz tolle Erfahrungen. Meine Schwester und ich haben zudem jahrelang unsere betagten Eltern betreut und unterstützt. Das lernt einem auch Demut und Geduld fürs eigene Leben.

Die Gespräche mit den Bewohnenden sind ein wichtiger Teil Ihres Einsatzes. Worüber wird am häufigsten gesprochen – und was nehmen Sie selbst aus diesen Begegnungen mit?
Gerade bei den Wellnesstagen sind die Gespräche zu zweit sehr persönlich. Die Bewohnenden erzählen viel über sich, was sie gemacht und erlebt haben. Es herrscht eine schöne Vertrautheit, auch über die wohltuenden Berührungen. Natürlich erfährt man auch, warum jemand jetzt hier im Weyergut Bethanien «sein muss» oder aus Vernunft diese Wohnform gewählt hat. Solche Geschichten berühren mich ganz besonders. Die Wohnform Alters- und Pflegeheim ist oft auch eine Schicksalsgemeinschaft, die nicht immer freiwillig gewählt wurde. Den Bewohnenden ist der Personalmangel – verbunden mit häufigeren Wechseln – bewusst, und das bereitet ihnen zum Teil Mühe.

Auch bei Aktivitäten der Alltagsgestaltung unterstützen Sie da Team tatkräftig. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden?
Die Zusammenarbeit empfinde ich als sehr wertschätzend, offen, sympathisch und empathisch. Ich fühle mich wahrgenommen und gehört, zudem sehr gut informiert und aufgehoben. Dieses Gefühl hatte ich schon im Vorstellungsgespräch und es hat sich bestätigt. Im Haus herrscht ein für mich enorm angenehmes Umgangsklima. Das schätze ich sehr. Genau dieses Miteinander und die Menschen inspirieren mich immer wieder für meine Einsätze.

Und dann ist da noch Zysi – die Katze, die längst ein fester Teil des Weyerguts Bethanien und der Nachbarschaft geworden ist. Wie ist Ihre Beziehung zu ihr entstanden und was bedeutet sie für Sie?
«Zisi», die Weyergutkatze, hat eigentlich drei Namen und eine ganz eigene Geschichte. Für mich ist sie «Findlingeli». Ich kenne sie schon lange, noch vor dem Umbau des Weyerguts Bethanien. Eines Tages war sie einfach da an der Mohnstrsse: eine gepflegte, wunderschöne Prachtskatze mit Halsband – aber ohne erkennbares Zuhause. Sie suchte Nähe, lief mir nach, kam sogar einmal mit zu mir, blieb zum Fressen und Schlafen. Doch unsere Katze Emma war davon wenig begeistert. Ich liess die Polizei kommen, die mit dem Lesegerät feststellte, dass sie nicht gechippt war. Ich liess sie wieder gehen, aber sie wurde immer wieder im Quartier gesichtet. Wie sie die Umbauzeit überstanden hat, bleibt ein Rätsel. Nach dem Umbau schaute sich Findlingeli neu um. Bei Herrn Althaus fand sie eine Schlafbleibe – er nennt sie «Mischa». Auch bei Herrn Locher fand sie Einlass, er nennt sie «Zysi» und pflegte lange ihren Pelz. Auch bei Frau Tobler wurde sie schon gesehen. So denke ich, hat die mutige und wohl schon etwas ältere Katze eine neue Heimat gefunden. Sie sucht sich ihre Plätze sorgfältig aus. Auch bei den Hühnern fühlt sie sich wohl. Im Winter haben wir für sie im Treppenhaus des leerstehenden Nebengebäudes einen geschützten Platz eingerichtet – und ich kümmere mich um Futter und Tierarztkosten. Sehr gerne hätte ich ihr auch ein richtiges warmes Katzenhaus gekauft, in dem sie sich verkriechen und schützen kann.

Findlingeli, Zysi, Mischa = Sie macht vielen Menschen grosse Freude, auch alle meine Hunde lieben sie = für mich ist sie eine Lebenskünstlerin, eine Heldin!

Was geben Ihnen die regelmässigen Besuche im Weyergut Bethanien persönlich zurück?
Ich denke aus meinen bereits beschriebenen Geschichten kann man herauslesen, dass ich mich in diesem Haus mit den verschiedenen Menschen sehr wohl fühle. Ich lerne, dass das Leben verschiedene Wege gehen kann und das nichts selbstverständlich ist. Freud und Leid auf kleinem Raum, das gilt es aufzusaugen, auszuhalten und mitzutragen. Für mich ist das Lebensqualität und Dankbarkeit für alles, was ich erleben darf. Es zeigt mir, dass wir Menschen ja eigentlich nur zusammen funktionieren können. Leider sieht das aktuell auf der Welt anders aus.

Wenn Sie jemandem von Ihrem ehrenamtlichen Engagement erzählen: Was würden Sie sagen, warum sich ein Einsatz als IDEM lohnt?
Weil es einfach schön ist, sich um andere Menschen zu kümmern. Dabei lernt man viel über sich selbst. Es zeigt mir, dass nicht alles im Leben von Geld, Ehre oder Ruhm bestimmt sein muss – auch wenn das für jede Person anders passt.


Was wünschen Sie dem Weyergut Bethanien zum 50-jährigen Jubiläum – und für die kommenden Jahre?
Zuerst einmal: alles Gute und herzliche Gratulation! Bleiben Sie den Menschen weiterhin so nahe – auch wenn es nicht immer einfach ist und die Kosten enorm sind. Das Weyergut Bethanien ist ein lebendiges, farbiges und empathisches Haus. Es strahlt eine gute Portion Offenheit aus. Die liebevollen Dekorationen und die vielfältigen, auch öffentlichen Anlässe sind ein grosser Genuss und zeugen von hoher Qualität.

Lassen Sie das Leben weiterhin im Haus pulsieren – es tut einfach gut.

Ganz persönlich möchte ich mich für die Grosszügigkeit gegenüber den ehrenamtlichen IDEM-Mitarbeitenden herzlich bedanken. Sie lassen uns an so vielen Festen und Ausflügen teilnehmen, schicken wertschätzende Geburtstagskarten und verwöhnen uns im November kulinarisch auf höchstem Niveau. DANKE, DANKE, DANKE!!!