Interview mit ehemaligem Heimarzt Dr. Donat Gemsch

Während 20 Jahren begleitete Dr. Donat Gemsch das Weyergut Bethanien als Heimarzt – bis zu seiner Pensionierung Anfang 2025. Im Interview spricht er über berührende Begegnungen, den Umgang mit Demenz, die Bedeutung eines starken Pflegeteams – und über seine grosse Achtung vor älteren Menschen.

08.05.2026: Das Interview führte Jürg Schmid, Leiter Administration und IDEM Weyergut Bethanien. Jürg Schmid kennt
Dr. Gemsch seit vielen Jahren und ist deshalb mit ihm per Du.

Donat, woran erinnerst du dich besonders, wenn du an deine Anfangszeit im Weyergut zurückdenkst?
Ich habe grosse Achtung davor, dass Menschen, die früher ein ganz eigenes und individuelles Leben geführt haben, sich im Alter plötzlich an eine Wohngemeinschaft gewöhnen müssen. Sie sitzen dreimal täglich mit denselben Menschen am Tisch. Da erstaunt es mich eigentlich, dass es nicht öfter zu Spannungen kommt. Esther und Rolf Bayer spielten dabei eine sehr wichtige Rolle. Ich habe sie damals gefragt, wie sie es schaffen, dass die Menschen so gut miteinander auskommen und wer mit wem an einem Tisch sitzt. Dafür braucht es viel Gespür. Vieles war auch ein Ausprobieren: Wenn eine Konstellation nicht funktionierte, wurde jemand umplatziert.

Dieser direkte Austausch und das gemeinsame Suchen nach guten Lösungen haben mir immer sehr gefallen.

Was hat dich damals motiviert, diese Aufgabe überhaupt anzunehmen?
Ich selbst hatte wunderbare Grossmütter. In einem Altersheim leben deutlich mehr Frauen als Männer. Mit der Zeit wurden viele Bewohnerinnen für mich fast ein wenig zu Ersatz-Grossmüttern.

Was hat dir bei der Arbeit im Weyergut besonders Freude gemacht?
Besonders geschätzt habe ich immer die Zusammenarbeit mit dem Pflegeteam. Schon früher habe ich gespürt, wie stark sich die Mitarbeitenden dafür einsetzen, gemeinsam das Richtige für die Bewohnenden zu machen. Alle tragen dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Menschen möglichst wie zu Hause fühlen können. Genau dieses Miteinander habe ich immer sehr geschätzt.

Gibt es Begegnungen mit Bewohnenden, die dich nachhaltig geprägt haben?
Der demenzielle Zerfall beschäftigt und belastet mich bis heute stark. Besonders schwierig wird es, wenn aggressive oder paranoide Verhaltensweisen dazukommen. Das ist ein grosses Leiden – für die Bewohnenden selbst, für Angehörige und auch für die Pflegenden. Ein Bewohner, der schon lange hier lebte, hatte trotz seiner Demenz eine unglaublich positive Art. Anfangs kannte er mich noch gut und bedankte sich jedes Mal dafür, dass wir so gut zu ihm schauen. Auch die Pflege erzählte oft, wie dankbar er selbst für kleine Dinge war – etwa für das Essen. Solche Menschen vergisst man nicht. Es gab aber auch die andere Seite. Ein Bewohner, der ebenfalls in der Wohngruppe für Menschen mit dementieller Erkrankung lebte, sagte immer, dass er die Tabletten nicht nehme, weil diese vergiftet seien. Oder dass wir ihm seine Brille gestohlen hätten. Dieser Bewohner empfand gewisse pflegerische Handlungen teilweise als Hexerei – und das ist ein grosses Leiden. Genau das meine ich mit dem demenziellen Zerfall. Er ist für alle belastend.

Wie würdest du den Weyergut-Geist aus deiner Sicht beschreiben?
Ich habe hier viele langjährige Mitarbeitende erlebt. Sie verfügen über ein enormes Können und gleichzeitig über eine grosse Hingabe zum Beruf. Man spürt, dass ihnen wirklich wichtig ist, dass es den Bewohnenden gut geht.

Seit rund einem Jahr bist du pensioniert – was schätzt du an deiner neugewonnenen Freiheit besonders?
Die neugewonnene Freiheit bedeutet für mich vor allem, Zeit zu haben. Zeit für mich selbst und dafür, bewusst das zu geniessen, worauf ich Lust habe. Ich habe nicht mehr die Aufgabe, ständig für die Patientinnen und Patienten verfügbar zu sein und sie immer an erste Stelle setzen zu müssen.

Dafür habe ich heute mehr Zeit für meine Frau, meine Kinder und seit einigen Monaten auch für mein erstes Enkelkind.

An deinem letzten Arbeitstag im Weyergut musstest du gleich dreimal wegen eines Notfalls kommen. Was ging dir durch den Kopf, als sich der dritte «Notfall» plötzlich als Abschiedsüberraschung herausstellte?
Ich habe das zuerst gar nicht realisiert und war völlig überrascht. Ab und zu ist meine Frau mitgekommen, wenn ich ausserhalb der Bürozeiten einen Notfall hatte. Währenddessen konnte sie jeweils noch Besorgungen machen. Deshalb fiel es auch dieses Mal nicht auf, als sie beim dritten «Notfall» wieder mitkommen wollte. Meine Frau hat dabei toll mitgespielt.

Umso grösser war dann die Überraschung, als ich plötzlich das Personal und die Leitung im Restaurant Weyergut gesehen habe. Der angebliche Notfall entpuppte sich als Abschieds-Apéro. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Worauf bist du nach diesen 20 Jahren besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass wir dem Weyergut Bethanien über all die Jahre eine grosse Sicherheit bieten konnten. Für viele war es beruhigend zu wissen, dass sie mich in einem Notfall jederzeit erreichen konnten – auch am Wochenende oder ausserhalb der normalen Praxiszeiten. Natürlich mit Ausnahme der Ferien.

Diese ständige Erreichbarkeit bedeutete nicht nur für die Bewohnenden, sondern auch für die Pflege eine Entlastung. Ich freue mich sehr, dass mein Praxispartner dieses Konzept übernommen hat und weiterführt.

Was wünschst du dem Weyergut Bethanien für die Zukunft?
Immer genügend Personal – denn sonst kippt das System.

Während 20 Jahren hat Dr. med. Donat Gemsch das Weyergut Bethanien als Heimarzt begleitet – mit grossem Engagement, viel Menschlichkeit und einem offenen Ohr für Bewohnende, Angehörige und Mitarbeitende.

Für alles, was er in dieser langen Zeit für das Weyergut Bethanien und insbesondere für die Bewohnenden getan hat, danken wir ihm von Herzen.