„Das Weyergut-Areal sollte nie einfach verbaut werden“
1828 kaufte der Bauer Bendicht Schneider das Weyergut von der Zunftgesellschaft zum Affen und bis heute befindet sich das nicht überbaute Land sowie die im historischen Stil renovierten Stöckli und Spycher unmittelbar neben dem Altersheim im Besitz der Familie. Im Gespräch erzählt der Enkel von Ernst Wagner, PD Dr. med. Bendicht Wagner, weshalb sich seine Grosseltern einst für den Verkauf eines Teils des Landes an das heutige Weyergut Bethanien entschieden, warum dabei weit mehr als wirtschaftliche Fragen diskutiert wurden – und weshalb ihn das 50-Jahr-Jubiläum besonders berührt.
29.04.2026: Das Interview führte Pia Volkers, Oberstufenlehrerin und ehrenamtliche IDEM-Mitarbeiterin zur Deutschförderung im Weyergut Bethanien.
Herr Bendicht Wagner, wie kam es überhaupt dazu, dass Ihre Familie mit den späteren Käufern des Landes ins Gespräch kam?
Ganz genau weiss ich das heute nicht mehr. Eine wichtige Rolle spielte aber Emil Seiler, der sich stark für die Entstehung des Altersheims engagierte. Er kannte meine Grosseltern persönlich. Ich vermute, dass dabei auch gemeinsame christliche und soziale Werte eine Rolle spielten. Meine Grossmutter war in Wabern sehr engagiert. Damals hatte die Kirche eine ganz andere Bedeutung als heute. Es gab noch keine AHV, keine Krankenkassen und kaum soziale Absicherung. Viele ältere Menschen waren auf Unterstützung angewiesen – und die Kirchen übernahmen dabei eine wichtige Aufgabe.
Ich glaube, genau dieses Verständnis von Verantwortung gegenüber anderen Menschen war entscheidend dafür, dass sich meine Grosseltern überhaupt auf die Gespräche einliessen. Der Gedanke, dass die Kirche eine soziale Einrichtung betreiben und mittragen würde, entsprach damals einem tief verankerten gesellschaftlichen Verständnis von Verantwortung.
Das Areal war Ihrer Familie also sehr wichtig?
Ja, sehr. Das darf man nicht unterschätzen. Das Anwesen gehörte damals der Erbengemeinschaft meines Grossvaters und seines Bruders. Für die Familie war dieser Ort emotional enorm bedeutend. Über viele Jahre gab es immer wieder Überbauungspläne der Gemeinde. Die Familie lehnte diese aber ab, weil die Projekte aus ihrer Sicht zu massiv gewesen wären und den Charakter des Ortes zerstört hätten. Sie kämpften jahrelang gegen solche Vorhaben und setzten 1975 schliesslich sogar einen Baustopp durch. Man wollte das Ortsbild und die historischen Gebäude erhalten. Dass ausgerechnet für ein Altersheim eine Ausnahme gemacht wurde, hatte viel mit den sozialen und christlichen Werten meiner Grossmutter zu tun. Sie setzte sich stark dafür ein.
Hatte Ihre Familie beim Verkauf Bedingungen?
Ja, sehr klare sogar. Die Familie wollte unbedingt verhindern, dass das Areal einfach «verbaut» wird. Es gab damals intensive Diskussionen über die Platzierung und Grösse des Gebäudes. Der Architekt hätte das Altersheim ursprünglich lieber näher beim Bauernhaus gebaut. Meine Familie fand aber, dass dadurch der Charakter des Orts verloren gegangen wäre. Deshalb bestand sie darauf, dass das Gebäude weiter Richtung Mohnstrasse rückt, gewisse Abstände eingehalten werden und die Bauhöhe beschränkt bleibt.
Bemerkenswert ist: Das geschah lange bevor Denkmalschutz überhaupt ein Thema war.
Genau. Das finde ich heute besonders beeindruckend. Damals stand das Anwesen noch gar nicht unter Schutz. Trotzdem hatten meine Grosseltern bereits das Bewusstsein, dass dieser Ort erhalten bleiben sollte. Sie handelten also nicht, weil es Vorschriften gab, sondern aus eigener Überzeugung. Wenn man heute sieht, wie sich das Alters- und Pflegeheim ins Quartier einfügt, hat sich diese Sorgfalt definitiv gelohnt.
Wie liefen die Verhandlungen damals ab?
Sehr intensiv. Es ging nicht nur um technische oder finanzielle Fragen. In den Unterlagen sieht man, dass man sich ausführlich über Werte, Verantwortung und gesellschaftliche Fragen austauschte. Es wurden lange Briefe geschrieben, Argumente formuliert und sogar philosophische sowie religiöse Überlegungen diskutiert. Das berührt mich heute noch. Man nahm sich damals wirklich Zeit, gemeinsam herauszufinden, was an diesem Ort sinnvoll und richtig ist.
Welche Nutzung hatte das Land ursprünglich?
Das Land wurde ursprünglich landwirtschaftlich genutzt. Mein Grossvater und seine Familie sind hier als Bauern aufgewachsen. Sie lebten im «Stöckli», zusätzlich bewirtschaftete ein Pächter den Betrieb mit. Er und seine Generationhatten beide Weltkriege erlebt. Dadurch war das Bewusstsein stark geprägt, dass Land und Landwirtschaft Sicherheit bedeuten – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für die Versorgung und Unabhängigkeit einer Familie.
Sein Onkel war zudem über viele Jahre Gemeinderat und Gemeindepräsident von Köniz. Verantwortung für das Land und ein sorgfältiger Umgang damit waren deshalb selbstverständlich. Das Gebiet wurde über Jahrzehnte hinweg sehr behutsam entwickelt – immer mit der Überlegung, wie sich Veränderungen sinnvoll mit dem bestehenden Ort vereinbaren lassen.
Wie haben Sie die Schritte nach dem Verkauf wahrgenommen – zum Beispiel die Planung, den Bau oder die ersten Aktivitäten?
Ich war damals noch ein Bube. Aber so wie ich das heute wahrnehme und auch in den Unterlagen nachlesen kann, wurde nach der Unterzeichnung des Verkaufsvertrags sehr sorgfältig und professionell gearbeitet. Man diskutierte viele Details – etwa die Zufahrtsstrasse, die Kanalisation oder die Frage, welcher Spielraum für spätere bauliche Veränderungen bestehen soll. Rückblickend beeindruckt mich, wie weitsichtig damals geplant wurde.
Zwischen dem Altersheim und unserer Familie gab es über Jahrzehnte praktisch nie Konflikte. Mein Vater erwähnte zwar einmal ein Projekt, bei dem die vorgesehene Bauhöhe zu hoch gewesen wäre. Das wurde aber rasch geklärt und blieb eigentlich der einzige grössere Diskussionspunkt. Wenn ich heute auf die Entwicklung schaue, empfinde ich sie als sehr fruchtbare und sinnvolle Ergänzung.
Was hat Sie an der Entwicklung des Projekts besonders überrascht?
Ich habe den Eindruck, dass sich das Weyergut enorm entwickelt hat. Es hat über die Jahre einen sehr professionellen Platz eingenommen und erfüllt heute eine wichtige Funktion in der Gemeinde. Beeindruckend finde ich auch, dass sich die Stiftung Diakonie Bethanien nicht nur hier engagiert, sondern auch in anderen sozialen Bereichen Verantwortung übernimmt. Dass gerade in Wabern über Jahrzehnte hinweg so langfristig gedacht und entwickelt wurde, empfinde ich als etwas sehr Besonderes – und in dieser Form fast einmalig.
Was bedeutet Ihnen das 50-Jahr-Jubiläum persönlich?
Für mich ist dieses Jubiläum sehr speziell. Meine Mutter war damals bei den Gesprächen rund um den Verkauf dabei und hat innerhalb der Familie mitdiskutiert. Sie wohnte während diesen 50 Jahren direkt nebenan. Und heute lebt meine Mutter selbst im Alters- und Pflegeheim – an jenem Ort, dessen Entstehung sie damals miterlebt hat. Von ihrem Zimmer aus sieht sie sogar noch ihr ehemaliges Zuhause. Dass sich dieser Kreis genau im Jubiläumsjahr schliesst, berührt mich sehr.
Was wünschen Sie der Institution und den Menschen, die sie bis heute weitergeführt haben, für die Zukunft?
Ich habe schon den Eindruck, dass es wertvoll ist, dass im sozialen Bereich auch private Trägerschaften, Institutionen und Kirchen Verantwortung übernehmen. Gerade solche Engagements erfüllen eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft. Vielleicht funktioniert manches sogar besser, wenn es nicht ausschliesslich staatlich organisiert ist.
Ich wünsche mir deshalb, dass die Kraft weiterhin da ist – für die Menschen, die diesen Weg gewählt haben und diesen Ort auch in Zukunft mittragen und weiterführen.
Das Gespräch mit Herrn Wagner zeigt: Hinter der Entstehung des heutigen Weyergut Bethanien stand weit mehr als ein gewöhnliches Bauprojekt. Es waren Menschen, die Verantwortung übernehmen wollten – für andere Menschen, für das Ortsbild und für kommende Generationen. Genau das scheint bis heute spürbar geblieben zu sein.
