Esther und Rolf Bayer prägten das Weyergut Bethanien während mehr als 26 Jahren als Leitungspaar. Im Gespräch blicken sie zurück auf Aufbauarbeit, Wandel und besondere Momente – auf den Weg vom Altersheim zum Alters- und Pflegeheim, auf Feste, Begegnungen, Herausforderungen und auf den «Weyergut-Geist», der das Haus bis heute mitträgt.
26.02.2026: Das Interview führte Pia Volkers, Oberstufenlehrerin und ehrenamtliche IDEM- Mitarbeiterin zur Deutschförderung im Weyergut Bethanien
Esther und Rolf Bayer, Sie haben das Weyergut Bethanien ĂĽber 26 Jahre lang gemeinsam geleitet. Wenn Sie zurĂĽckblicken: Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Rolf: Es war eine schöne, reiche, aber auch anspruchsvolle Zeit. Die vielfältigen und sinnvollen Aufgaben mit betagten Menschen, mit den Kommissionen und mit den Mitarbeitenden haben mich sehr erfüllt.
Esther: Dem kann ich nur zustimmen. Teil dieser grossen Heimgemeinschaft zu sein, den Menschen aufmerksam zu begegnen, ihnen Zuspruch oder Hilfe zu schenken – das war für mich beglückend und wunderschön.
Rolf: Wir kamen damals als Ehepaar mit unseren beiden Kindern nach Wabern und wurden herzlich aufgenommen – fast wie in eine grosse Familie. Als ich die Leitung übernahm, traf ich auf eine eher informelle Betriebsführung. In den ersten Jahren war ich deshalb stark damit beschäftigt, klare Grundlagen zu schaffen: Anstellungsverträge, Stellenbeschreibungen, ein Personalreglement, ein Organigramm und Führungsleitlinien. Die Mitarbeitenden wünschten sich klare Aufgaben und Zuständigkeiten. Diese Aufbauarbeit war intensiv, aber auch sehr beeindruckend für mich.
Oft wird vom «Weyergut-Geist» gesprochen – einer warmherzigen, gemeinschaftlichen Kultur, die bis heute spürbar ist. Was bedeutet dieser Geist für Sie persönlich, und wie ist er entstanden?
Rolf: Ich habe diesen besonderen Geist bereits an meinem ersten Arbeitstag gespürt. Das Weyergut war der Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) stets eng verbunden – auch wir waren Teil dieser Gemeinschaft. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die wöchentlichen Andachten zu gestalten und zu halten.
Esther: Auch ich spürte diesen Geist von Anfang an. Und ich freue mich bis heute, wenn ich bei meinen freiwilligen Einsätzen im Restaurant erlebe, dass er weiterlebt. Ich sehe, wie Mitarbeitende in der Pflege, im Service und in der Küche liebevoll, herzlich und respektvoll mit den Bewohnenden und miteinander umgehen. Eine Mitarbeiterin sagte uns nach unserer Pensionierung einmal, es sei ihnen ein Anliegen, diesen guten Geist weiterzutragen. Das hat mich sehr berührt. Es ist etwas Tiefes, das man kaum in Worte fassen kann.
Rolf: Wichtig war uns auch die Offenheit. Das Weyergut hatte zwar einen christlichen Hintergrund, war aber immer offen für Menschen mit anderen Lebenshaltungen, Philosophien oder Religionen. Das war nicht immer für alle einfach, wurde aber von vielen sehr geschätzt.
Das Weyergut hat sich während Ihrer Leitungszeit stark weiterentwickelt – personell, strukturell und inhaltlich. Welche Veränderungen waren besonders prägend?
Rolf: Eine der grössten Veränderungen war der Weg vom Altersheim hin zu einem Alters- und Pflegeheim. Das Weyergut war ursprünglich als reines Altersheim gebaut worden – ohne die baulichen Voraussetzungen für eine umfassende Pflege. 1984 wurde zwar eine kleine Pflegeabteilung für neun Bewohnende eingerichtet, doch der Pflegebedarf nahm rasch zu. Plötzlich stellte sich die grosse Frage: Wie können wir Pflege im ganzen Haus ermöglichen? Ich erinnere mich noch gut daran, als wir die ersten drei Pflegebetten für das damalige Altersheim kauften.
Esther: Die Zimmer waren damals mit WC und Lavabo ausgestattet. Duschen gab es nur allgemein auf den Wohngruppen, ergänzt durch Wannenbäder im Untergeschoss. Für die Pflegemitarbeitenden bedeutete das weite Wege: Medikamente, Dokumentationen und Hilfsmittel waren zentral im Stationszimmer im Untergeschoss untergebracht. Stationszimmer auf den Stockwerken fehlten ebenso wie ein Büro für die Pflegedienstleitung.
Rolf: 1991 wurden deshalb fünf Bewohnerzimmer in Stationszimmer und ein Büro für die Pflegedienstleitung umgebaut. Das Projekt «stockwerkbezogene Pflege» war ein wichtiger Meilenstein. Gleichzeitig mussten kantonale Vorgaben umgesetzt, Pflegedokumentationen erarbeitet und neue Führungsstrukturen aufgebaut werden. Für alle Beteiligten war das eine grosse Herausforderung.
In den Jahren 1985 bis 2000 entstanden neue Angebote, vor allem in der Aktivierung und in therapeutischen Bereichen. Welche Rolle spielten Begegnung, Gemeinschaft und Lebensfreude in Ihrem Führungsverständnis?
Esther: Schon seit der Eröffnung 1976 gab es regelmässige Angebote wie eine Handarbeitsgruppe, ein Chörli, eine Schwimm- und Turngruppe und gerne versammelte sich eine Bewohnergruppe zum Gemüserüsten. Ab Mitte der 1980er-Jahre wurden diese Aktivitäten weiter ausgebaut. Anfangs engagierten sich zwei Freiwillige in der kleinen Pflegegruppe «Längenberg». Später wurde für diese Gruppe die erste ausgebildete Aktivierungstherapeutin angestellt. Das war ein wichtiger Schritt.
Rolf: Auch die Ausbildung gewann an Bedeutung. Die Fürsorgedirektion des Kantons Bern verpflichtete die Heime, die Ausbildung zur Betagtenbetreuerin beziehungsweise zum Betagtenbetreuer und später zur Fachangestellten beziehungsweise zum Fachangestellten Gesundheit einzuführen – als Reaktion auf den zunehmenden Mangel an Pflegepersonal.
Uns war wichtig, Kontakte, Aktivitäten, Sinn und Austausch zu fördern. Ein Heim sollte nicht nur versorgen, sondern Leben ermöglichen.
Sommerfeste, Themenwochen, gemeinsames Erleben – welche Anlässe sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Rolf: Ein grosses Highlight war das 25-Jahr-Jubiläum des Weyerguts im Jahr 2001. Fast zwei Jahre vorher begann eine Arbeitsgruppe mit den Vorbereitungen. Begleitet wurden wir von einem erfahrenen externen Fachmann. Der Stiftungsrat ermöglichte das Projekt mit einem grosszügigen Budget. Auch die traditionellen Anlässe bleiben in Erinnerung: der Ausflug auf dem Thunersee mit dem Dampfschiff «Blümlisalp», die Sommerfeste, die Weihnachtsfeiern und die 1.-August-Feiern.
Esther: Aus dem Thema «Dankbarkeit – Freude – Zuversicht» entstand damals das Projekt «Zirkus Wunderplunder». Ein Bewohner durfte als Clown auftreten. Damit erfüllte sich für ihn ein Lebenstraum. Sehr berührt hat mich auch der Austausch zwischen Schulkindern und Bewohnenden. Die Kinder kamen mit vorbereiteten Fragen an die runden Tische in den Wohngruppen. Daraus entstanden zum Teil fast freundschaftliche Verbindungen. Während der Zirkuswoche wurde jongliert, getanzt, gesungen, musiziert, geschminkt und kostümiert. Am Wochenende fanden die Aufführungen im voll besetzten Zelt statt – ein riesiger Erfolg.
Rolf: Sogar der Eigentümer des benachbarten Bauernhofes erlaubte, das Zelt während einer Woche auf seiner Wiese aufzustellen. Auch der Pächter konnte sich überwinden, dafür die Wiese zu mähen. Eine ehemalige Mitarbeiterin sprach mich kürzlich in der Stadt auf die Personalweihnachtsfeste an. Sie erinnere sich noch heute gerne an meine Rede und an das schön eingepackte Geschenk von Esther. Das hat mich sehr gefreut. Unsere Art der Personalbetreuung scheint nachhaltig geglückt zu sein.
Auch räumlich hat sich viel verändert: Vom ehemaligen Hallenbad über den Raum «Gartenblick» bis hin zu neuen Therapie- und Aktivierungsräumen. Wie wichtig waren solche Orte für den Alltag im Haus?
Rolf: Das Hallenbad war von Anfang an ein Sorgenkind – vor allem wegen der Ozon-Wasseraufbereitung und des hohen Energieverbrauchs. Ausschlaggebend für die Schliessung Ende Dezember 1995 war schliesslich die fehlende Badeaufsicht. Danach wurde intensiv diskutiert, wie der Raum sinnvoll umgenutzt werden könnte.
Der Umbau kostete rund eine Million Franken und musste von der Stiftung Weyergut getragen werden. Entstanden sind ein Lagerraum im Untergeschoss sowie helle, luftige Therapie- und Aktivierungsräume im Erdgeschoss.
Esther: Der neue Mehrzweckraum «Gartenblick» war für uns ein absolutes Highlight. Er öffnete viele Türen: für Kochgruppen, Handarbeitsgruppen, Sitzungen, Wellnessanlässe, das Vorbereiten von Ostereiern oder Guetzli und vieles mehr. Dort fanden auch gemeinschaftliche Projekte statt. Als zum Beispiel der Speisesaal erneuert wurde, konnten Bewohnende verschiedene Stühle testen und ihren Favoriten auswählen. Solche Momente stärkten den Gemeinschaftssinn und zeigten: Die Meinung der Bewohnenden zählt. Auch der neue Coiffeursalon mit Blick in den Garten wurde rege besucht, ebenso die Fusspflege. Freundliche, gut gestaltete Räume machen im Alltag viel aus.
Die 2000er-Jahre waren geprägt von Professionalisierung: neue Pflegesysteme, Berufskleidung, Ausbildungswege. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt?
Rolf: Die Einführung von BESA (Bewohner-Einstufungs- und Abrechnungssystem) beziehungsweise RAI (Resident Assessment Instrument) im Kanton Bern war ein grosser Einschnitt. Mit diesem System wurde der tägliche Pflegebedarf gemessen, dokumentiert und abgerechnet. Zuerst gab es zehn, später zwölf Pflegestufen. Die EDV-gestützte Pflegedokumentation brachte viel Struktur, aber auch sehr viel Zusatzarbeit.
Für die Pflegedienstleitung und die Gruppenleitungen war diese Umstellung enorm anspruchsvoll. Es musste mehr dokumentiert und ausgewertet werden – mit demselben Personalbestand. Das sogenannte «Minütele», also die genaue Berechnung der Pflegeminuten, war plötzlich allgegenwärtig.
Auch die kantonalen Stellenplanvorgaben prägten den Alltag stark. Nach Todesfällen von Bewohnenden in hohen Pflegestufen musste ich oft Menschen mit tieferem Pflegebedarf aufnehmen. Im Klartext hiess das: weniger Stellenprozente im Pflegedienst. Das brachte uns oft in Nöte. Die monatlichen Stellenberechnungen waren Pflicht, aber mühsam und zeitraubend. Die Einstufung der Bewohnenden hatte zudem direkten Einfluss auf das Budget und die Tarife. Ich musste Nettobetriebskosten, Selbstzahlertarife und Sozialtarife berechnen.
Esther: Die strengen Stellenplanvorgaben wirkten sich auch ganz praktisch aus. Ich arbeitete zeitweise in drei Bereichen mit: Pflege, Betreuung und Verwaltung.
Das Weyergut war stets ein lebendiger Ort. Wie wichtig war Ihnen diese Offenheit des Hauses nach innen und aussen?
Rolf: Ă–ffentlichkeitsarbeit war mir immer wichtig. Das Weyergut sollte kein abgeschlossener Ort sein, sondern Teil des Quartiers und der Region.
Esther: Begegnungen von aussen waren uns immer wichtig und herzlich willkommen. Besuchende, Musikgruppen, Vortragende, Theatergruppen, Turngruppen oder Menschen, die nach einem Anlass noch in der Cafeteria zusammensassen – all das brachte Leben ins Haus. Bei den Veranstaltungen achtete ich stark auf die Vorlieben der Bewohnenden. Ich organisierte viele klassische Konzerte und Diavorträge und lud, wo immer möglich, auch die Nachbarschaft dazu ein.
Da wir die ersten neun Jahre in der Dienstwohnung beim Weyergut wohnten, pflegten wir auch persönliche Kontakte im Quartier. Auf dem Weg ins Dorf begegnete ich oft Nachbarinnen in ihren Gärten, die gerne ein kleines «Schwätzli» gemacht hätten. Nicht immer blieb dafür Zeit – aber genau diese Nähe war schön. Viele ältere Menschen aus der Umgebung verbrachten später ihren letzten Lebensabschnitt im Weyergut. So wurde das Haus auch zu einem Ort, an dem ein Stück Quartiergeschichte weiterlebte.
Sie haben das Weyergut nicht nur geleitet, sondern gemeinsam getragen – als Ehepaar. Was war die besondere Stärke dieser gemeinsamen Verantwortung, und was war herausfordernd?
Rolf: Unsere Stärke war eine klare, bewusst formulierte Aufgabenteilung. Wir wollten nicht rivalisieren, sondern unsere unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen einbringen und uns gegenseitig ergänzen. Viele Aufgaben führten wir gemeinsam aus. Wir besuchten alle künftigen Bewohnenden vor dem Eintritt, halfen bei der Planung der Zimmermöblierung und unterstützten bei Bedarf auch in finanziellen Fragen. Die Kontakte zu Angehörigen pflegten wir bewusst. Unser Ziel war, den Eintritt ins Weyergut gut vorzubereiten und den Übergang in diesen neuen Lebensabschnitt zu erleichtern.
Auch die gemeinsamen Mittag- und Abendessen mit den Bewohnenden gehörten in den ersten Jahren zu unserem Auftrag – oft zusammen mit unseren Kindern. Obwohl wir diese Zeit als Betreuungsarbeit verstanden, galt sie damals nicht als Arbeitszeit.
Esther: Die gemeinsame Verantwortung hatte viele schöne Seiten, aber sie war auch belastend. Die ersten neun Jahre wohnten wir direkt beim Weyergut. Bei Abwesenheiten der Stellvertretung übernahmen wir Pikettdienste: Feueralarm, technische Alarme oder Unterstützung der Nachtwache in Notfällen. Dazu kamen lange Präsenzzeiten und die ständige Nähe zum Betrieb. Selbst in der Freizeit waren wir dem Heim sehr nahe.
Rolf: Die Grenze zwischen Beruf und Privatleben war oft nicht einfach zu ziehen. Gegenseitige Toleranz und Respekt waren sicher entscheidend dafĂĽr, dass wir 26 Jahre gemeinsam im gleichen Betrieb arbeiten konnten.
Esther: Schliesslich besprachen wir die Situation mit der Heimkommission. Wir stiessen auf Verständnis und konnten später extern wohnen. Der Umzug nach Köniz war sehr entlastend. Der Weg zur Arbeit – und abends wieder nach Hause – schuf eine gesunde Distanz.
2012 traten Sie Ihren wohlverdienten Ruhestand an. Wie war dieser Moment des Abschieds?
Rolf: Für mich war die Pensionierung eine wohltuende Entlastung. Die letzten Jahre waren durch Veränderungen und Umstrukturierungen geprägt, die ich als anspruchsvoll erlebte. Die damals häufig wechselnden Ideen und Vorstellungen zur Weiterentwicklung des Hauses belasteten mich sehr. So freute ich mich zunehmend auf die Pensionierung. Insgesamt blicke ich aber auf reiche Weyergut-Jahre zurück – und auf eine Zeit, in der das Aufhören für mich stimmig war.
Esther: Für mich waren die Monate vor der Pensionierung schwer. Der Abschied machte mir Angst, denn das Weyergut war ein sehr grosser Teil unseres Lebens. Das Fest zur Pensionierung war grossartig, mega schön!
Am 29. Februar 2012 packten wir unsere persönlichen Sachen, gaben die Schlüssel zurück und fuhren ruhig nach Hause. Wenige Monate später spürte ich, dass ich bald im Weyergut in die freiwillige Mitarbeit einsteigen möchte. Seither beglücken und beschenken mich meine sonntäglichen Nachmittagseinsätze im Restaurant Weyergut. Die vielen Kontakte und Gespräche möchte ich nicht mehr missen.
Zum Schluss: Was wünschen Sie dem Weyergut Bethanien zum 50-jährigen Jubiläum – und all jenen Menschen, die heute hier leben, arbeiten oder sich engagieren?
Rolf: Ich wünsche der Stiftung Diakonie Bethanien, der Leitung und allen Mitarbeitenden viel Kraft, Ausdauer und Zuversicht. Mögen auch in Zukunft viele betagte Menschen im Weyergut ein Daheim finden, in dem sie gut aufgehoben, begleitet und betreut sind.
Esther: Ich wünsche den Bewohnenden, dass sie sich im Weyergut wohlfühlen können – mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer Prägung und ihrer Eigenart. Es macht Menschen glücklich, wenn sie spüren: Ich darf so sein, wie ich bin. Das Weyergut ist mir schon sehr, sehr lieb. Ich erlebte hier mit Rolf eine so gute Zeit!
Wir danken Esther und Rolf Bayer herzlich für das Gespräch und für den persönlichen Rückblick auf ihre langjährige Leitung des Weyerguts. Ihre Erinnerungen zeigen eindrücklich, wie sehr sie das Haus geprägt, mitgetragen und weiterentwickelt haben – mit Verantwortung, Herz und einem feinen Gespür für die Menschen, die hier lebten und arbeiteten. So wird ein bedeutendes Kapitel der 50-jährigen Weyergut-Geschichte nochmals auf persönliche und lebendige Weise sichtbar.