Erzählt von einer Bewohnerin von damals
Blogbeitrag zum 50-jährigen Jubiläum des Weyergut Bethanien
Was? Es ist schon bald sieben Uhr? Beinahe eine Schande, so lange zu schlafen. Eine alte Frau so lange im Bett? Das gute Bett ist natürlich auch schuld. Zum Glück habe ich meine alte Kutsche fortgegeben, obwohl sie mir leid tat. Heute hörte ich nicht einmal die Vögel singen. Zu spät. Das macht ja nichts. Wir bekommen bis neun Uhr Frühstück. Dafür sind jetzt schon die Fohlen auf der Weide. Schön, dass man hier sozusagen auf dem Land ist – und doch in der Stadt.

Jetzt aber schnell in die Dusche. Es ist sicher niemand draussen um diese Zeit. Es wäre natürlich schön, wenn ich meine eigene hätte; aber so lernt man, ein wenig aufeinander Rücksicht zu nehmen. Oder – man verlernt es nicht. Schliesslich sind es nur unser zehn in der Wohngruppe, und einige davon duschen urselten. Denen genügt das wöchentliche Wannenbad und das Hallenbad. Jeder Pensionär hat dafür sein eigenes WC und Lavabo.
Nein – für`s Zimmermachen habe ich heute keine Zeit. Morgen dann wieder! Hin und wieder reizt es einfach, sich als Hotelgast zu fühlen. Und es ist ja auch gut, dass das Personal jede Woche einmal gründlich dahintergeht. Halt, es reicht noch zu einem Telefon an Leni. Hoffentlich hat sie die Grippe überstanden. Es hat halt nicht jedermann so viel Pflege und Betreuung wie wir.
Nun aber hinunter in den Essraum. Die meisten sind noch am Morgenessen. Heute scheint die Sonne bis an meinen Tisch. Bei klarem Wetter geht der Blick bis in die Alpen. Ich glaube, man sieht die Jungfrau – oder ist es die Blüemlisalp? Danke für den guten Kaffee, den sie immer haben hier. Das Essen ist manchmal fast zu gut.

Eigentlich ist mir die Morgenandacht um neun Uhr in unserem festlichen Saal recht lieb geworden. Meistens hält sie der Heimleiter, manchmal auch der Pfarrer, der von Bern oder Wabern kommt. Ich schätze auch meinen eigenen Briefkasten. Letzthin hätte ich beinahe mit meinem Zimmerschlüssel am falschen probiert, wenn mir nicht im letzten Augenblick die andere Farbe aufgefallen wäre.

Dienstag: Heute ist Hallenbadtag. Ich werde dann am Donnerstag dabei sein. Ja, wer hätte gedacht, dass ich noch schwimmen lernte mit einundachtzig! Aber es geht schon ordentlich.

Auch der Gymnastik-Parcours draussen im Garten ist herrlich. Manchmal sogar richtig lustig. Ich bin allerdings froh, dass die Turnlehrerin immer mitkommt und aufpasst, damit nichts schiefgeht.

Tatsächlich, ich bin eingenickt. Haben wir schon Mittag gehabt? Natürlich. Heute gab es ja mein Lieblingsmenü: Kalbsbraten und Bohnen. Die Diät, die ich am Anfang bekam, war zwar auch gut. Ich habe wohl etwas zu viel gegessen, dass mir die Augen so rasch zugefallen sind.
In einer halben Stunde kommt Maria zu Besuch. Habe ich noch genug Kaffee-Coupons? Ja, das reicht noch für die ganze Woche. Zuerst trinken wir jeweils einen Kaffee in der Halle gegen den Garten. Die andern dürfen ja wohl sehen, dass ich Besuch habe. Und Maria freut sich immer so an unserem Hausvogel, dem lustigen Beo. «Hesch guet gschlaafe?» fragt er, mit tiefer, bald mit hoher Stimme.

Nachher sitzen wir noch ein bisschen auf dem Balkon vor meinem Zimmer. Jetzt, wo das Wetter so mild ist und die Geranien so wunderbar blühen, ist es herrlich, draussen zu sitzen. Ob es mir hier gefalle, fragt sie. Ich weiss eigentlich nicht, was ich mir noch wünschen sollte. Doch – ein paar Jahre weniger. Damit ich es besser geniessen könnte!
Weisst du, wir haben wirklich keinen Grund, über Langeweile oder Trostlosigkeit zu klagen. Wir machen uns gegenseitig Besuche. Manchmal hilft eine der andern. Wir dürfen zusammen basteln. Übrigens hat es auch eine ganze Anzahl Männer im Haus. Jede Woche wird eine interessante Veranstaltung im Saal durchgeführt. Am Abend kann man fernsehen oder ausgehen. Früher hätte ich das noch mehr geschätzt. Aber es ist doch angenehm zu wissen, dass wir ernst genommen werden und man uns vertraut.

Warum könnten wir denn sonst mit unserem Schlüssel auch die Haustüre öffnen? (Ich bin allerdings erst einmal nach zehn Uhr nachts heimgekommen!)
Bald ist wieder Zeit für das Nachtessen. Der Besuch ist gegangen. Die Stille tut auch gut. Aber beruhigend ist es doch zu wissen, dass man nicht allein ist. Wie es heute in der Andacht hiess: «Der Herr ist mein Hirte.» Gehört dazu nicht auch, dass immer eine der Schwestern – sogar nachts – die Herde hütet?
Danke für diesen Tag, der so viel Gefreutes gebracht hat. Danke für dieses Zuhause, Herr.





























